Flucht vor der Scheinmoral

Seine Tierversuche wurden skandalisiert, die Max-Planck- Gesellschaft ließ ihn fallen. Jetzt hat China den genialischen Hirnforscher Nikos Logothetis abgeworben.

Die Chinesen rollen den roten Teppich aus. Der weltweit renommierte Hirnforscher Nikos Logothetis, bis jetzt noch Direktor des Max-Planck-Instituts für biologische Kybernetik in Tübingen, wird Deutschland verlassen und bereits dieses Jahr sein neues Domizil in Schanghai beziehen. Einen eleganten Forschungscampus, der momentan eigens für ihn errichtet wird. Und Logothetis geht nicht allein. Viele seiner Tübinger Mitarbeiter werden ihn begleiten, samt ihrer Partner und Kinder.

Damit vollzieht sich ein in der Wissenschaftsgeschichte einmaliger Vorgang: Der Exodus eines nahezu kompletten Forschungsinstituts, das der deutsche Steuerzahler mit viel Geld finanziert hat. Ist Logothetis undankbar und sucht seinen Vorteil? Nein, denn er wäre gern in Deutschland geblieben. Aber die Zustände sind für ihn untragbar geworden.Die aufsehenerregende Geschichte begann im Jahre 2014. Ein Tierversuchsgegner filmte im Affenlabor von Logothetis mit versteckter Kamera. Er hatte sich vorher unter falschem Namen als Tierpfleger beworben. Aus 100 Stunden Filmmaterial wurde ein kurzes, dramatisches Video zusammengeschnitten. Die Bilder vermitteln den Eindruck, als würden die Wissenschaftler in Tübingen ein grauenhaftes Handwerk exekutieren. Das reißerisch inszenierte Video wurde am 10. September 2014 von „Stern TV“ gesendet.

Als Nazischlächter beschimpft

Die Wellen der Empörung schlugen hoch. Die Wissenschaftler wurden mit dem Tode bedroht, als Teufel und Nazischlächter verunglimpft. Das Max-Planck-Institut wurde zeitweise von einem riesigen Polizeiaufgebot geschützt. Das zerrte an den Nerven. Doch vielleicht hätte man diesen Furor gerade noch als Konsequenz einer strategisch gesteuerten medialen Aufregungsmaschinerie deuten können. Und wahrscheinlich hätte sich der Spuk verflüchtigt, wenn sich die Max-Planck-Gesellschaft (MPG) und Forscher der Universitäten der Empörung geschlossen mit guten Argumenten entgegengestellt hätten. Doch dem war nicht so.

International hat Logothetis einen exzellenten Ruf. Die hochangesehene Zeitschrift „Nature“ bezeichnete ihn als den „Maestro of Minds“, weil Logothetis eine wissenschaftliche Sensation gelang. Er kombinierte zwei Messverfahren miteinander, die bis dato als unvereinbar galten: Mit diesem war es in Tübingen möglich, gezielt einzelne Nervenzellen zu beobachten und dabei gleichzeitig das Gehirn in seiner Gesamtheit zu betrachten.

Unabhängig davon ist eine andere Tatsache von Bedeutung: Schon während seiner Lehrzeit in den Vereinigten Staaten setzte sich Logothetis dafür ein, tiermedizinische Operationsmethoden systematisch zu verbessern und schonender zu gestalten. Für diese Bemühungen erhielt er 1996 den renommierten DeBakey- Award. In Tübingen setzte er einen weltweit einmaligen chirurgischen Standard.

Erklärbar wird der Medienskandal erst durch die Macht der Bilder, die instrumentalisiert wurden, um unterschwellig Gefühle anzusprechen und dabei die Vernunft zu unterwandern. Das hat gravierende Konsequenzen. Nicht nur die Forschungswirklichkeit, auch die Verhältnismäßigkeiten sind so aus dem Blick geraten. Tatsächlich hat der Forschungsalltag im Institut von Logothetis mit den dramatisch zusammengeschnittenen Sequenzen recht wenig gemein. Und so ist es kein Wunder, dass seiner Bitte, das gesamte Bildmaterial öffentlich zu machen, nicht entsprochen wurde.

Was die Verhältnismäßigkeit angeht, hier ein paar Zahlen: Logothetis arbeitete mit 42 Versuchstieren. Im Vergleich dazu werden in Deutschland jährlich etwa 750 Millionen Tiere für den Verzehr geschlachtet. Ferkel kastriert man nach wie vor ohne Narkose. Millionen Ratten werden legal qualvoll vergiftet. Das sind astronomisch hohe Zahlen, verbunden mit teils fragwürdige Praktiken. Sie lösen jedoch keinen vergleichbaren Furor aus. Warum? Weil es im Tübinger Skandal um die Inszenierung eines öffentlichen Fanals ging. Und diesbezüglich haben die Tierversuchsgegner erfolgreiche Arbeit geleistet. Es ist ihnen nicht nur gelungen, vielen Akademikern Angst einzujagen, sondern auch die Max-Planck-Gesellschaft zu politisch korrektem und damit opportunem Verhalten zu bewegen.

Doch diese Ängstlichkeit hat fatale Konsequenzen für die Forschung und die Gesellschaft, da sich die ausgebildeten Spezialisten die Deutungshoheit über komplexe wissenschaftliche Sachverhalte aus den Händen nehmen lassen. Statt ihrer melden sich dann aufgebrachte Tierversuchsgegner zu Wort oder etwa die Ärzte gegen Tierversuche. Dass Vertreter dieser Vereinigung auch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk als „Experten“ zu Worte kommen, ist zumindest bedenklich. Tatsächlich sind viele ihrer Vorschläge, wie sich Tierversuche vermeiden ließen, fragwürdig. So ist es eine Binsenweisheit, dass man komplexe Gehirne untersuchen muss, um etwas über komplexe Gehirne zu erfahren. Die bei Tierversuchsgegnern beliebten „Minigehirne“, die man aus Zellkulturen züchtet, sind bei der Erforschung höherer kognitiver Prozesse wenig hilfreich.

Solche Selbstverständlichkeiten hätten der Öffentlichkeit von Universitäten und Max-Planck-Gesellschaft in unmissverständlichen Worten kommuniziert werden können, verbunden mit dem nachdrücklichen Hinweis, dass Tierversuche für den Fortschritt in Biologie und Medizin notwendig sind. Aber klare und mutige Statements blieben die Ausnahme – zumindest in Deutschland.

International sah die Sache anders aus. Mehr als 5000 Forscher, darunter Nobelpreisträger, solidarisierten sich mit Logothetis, indem sie einen Aufruf des Werner- Reichardt-Centrums für Integrative Neurowissenschaften unterzeichneten. Sie kritisierten nicht nur die Tierversuchsgegner, sondern auch die Max-Planck-Gesellschaft. Tatsächlich unterließ es die MPG unter Führung ihres Präsidenten Martin Stratmann gleich mehrfach, strafbare Vergehen der Tierversuchsgegner juristisch zu verfolgen. Das betrifft zuerst das verbotene Filmen im Labor. Auch tauchte im Internet ein gruseliges Video auf, das von Tierversuchsgegnern manipuliert worden war. Zudem blieben Morddrohungen und schwerste Beleidigungen ungeahndet.

Dafür wurde Logothetis mit spitzen Fingern angefasst, als besagte Ärzte gegen Tierversuche Anzeige erstatteten. Im Laufe der Verfahren wurden von Spezialisten insgesamt drei ausführliche Gutachten erstellt. Zwei kamen zu dem Ergebnis, dass Logothetis und seine Mitarbeiter korrekt gearbeitet hatten. Ein Gutachter war allerdings anderer Meinung. Er beanstandete, dass drei Affen früher hätten eingeschläfert werden müssen, damit ihnen Qualen erspart worden wären. Auf der Grundlage dieses Gutachtens erfolgte ein Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Tübingen, den Logothetis aber nicht akzeptierte.

Damit wurde Logothetis zur Persona non grata: Stratmann entzog Logothetis die Leitung seines Instituts und setzte ihm einen Kollegen vor die Nase, der für die komplexen Versuche in seinem Labor nicht qualifiziert war. Außerdem sagte er kurzfristig eine internationale Gutachterkonferenz ab, die die Aufgabe gehabt hätte, das Labor von Logothetis zu evaluieren. Vermutlich, weil er ahnte, dass die Bewertung wie die Jahre zuvor exzellent gewesen wäre. Gerade diese Aktion hatte allerdings weitere geharnischte internationale Proteste zur Konsequenz.

Zermürbendes Verfahren

Unterm Strich hat der MPG-Präsident deshalb nicht nur Logothetis offensichtlich verletzt, sondern auch der Max-Planck-Gesellschaft einen Reputationsschaden zugefügt. Dabei ist sein vorauseilender Gehorsam unverständlich. Das Gutachten enthielt einen offensichtlichen logischen Fehler, der hätte auffallen müssen: Von den drei inkriminierten Affen überlebten nämlich zwei, weil man sie medizinisch versorgte. Wäre man aber dem Gutachter gefolgt, hätte man drei töten müssen. Dass Logothetis richtig gehandelt habe, erkannte der junge Richter, der das abschließende Verfahren leitete und einstellte. Wenig später wurde der Hirnforscher in einer Randnotiz von der MPG rehabilitiert. Entschuldigende Worte gab es nicht. Dafür leitet das Tierlabor heute Peter Dayan – ein Mathematiker.

Logothetis ist zermürbt. Unter diesen Bedingungen möchte er nicht mehr in Tübingen arbeiten. In einem kurzen Telefongespräch sagte er: „Es macht mich traurig, dass ich, nach über zwanzig Jahren Forschung, Tübingen, das meine Heimat geworden ist, mit meiner Familie verlassen werde. Bis heute bin ich der Max-Planck-Gesellschaft dankbar, dass sie mich und mein Team so lange mit viel Geld gefördert hat, und es war mir immer ein Bedürfnis, das entgegengebrachte Vertrauen mit neuen Einsichten in die Funktionsweise des Gehirns zu rechtfertigen. Leider ist es mir unter den gegebenen Umständen aber nicht mehr möglich, meine Arbeit hier weiterzuführen.“

Unterm Strich kann man den Weggang von Nikos Logothetis als Schlag für den hiesigen Wissenschaftsstandort bezeichnen. Und auch die Tierversuchsgegner ha-ben das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Logothetis kann in China mit deutlich mehr Tieren forschen als in Tübingen, wobei er betont, mit vergleichbaren Standards arbeiten zu wollen wie in Deutschland.Damit bleibt allein der Trost, dass das Wissen zunehmen wird, auch wenn die Durchbrüche künftig nicht mehr im Schwäbischen, sondern in Schanghai erarbeitet werden. Der Autor ist Physiker und Philosoph in Tübingen.

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