Emma 1992 Heft Nr 9 – Bettina Flitner – Mein Feind

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Als PDF Emma 1992 Heft Nr 9 – Bettina Flitner – Mein Feind

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Mein Feind? Jemand, der versucht, mir die Handtasche wegzureißen. Dem würde ich erst die Speerspitze in den Bauch rammen und dann gegen die Beine treten. Und dann würde ich weglaufen.

Mein Feind ist einer von der Schule, auch Türke. Der sieht mir immer das Kopftuch runter. Mit dem Säbel würde ich dem vor der Schule den Kopf abhacken. Auf dem Schulhof wär’ schlecht, da stehen die Lehrer.

 

Mein Feind? Der Papst! Den würde ich zum Wohle der Menschheit umbringen. Ich würde ganz meuchelmörderisch vergehen: Während er ’ne Rede hält, würde ich hinter der Gardine lauern und dann ganz plötzlich zustechen.

Mein Feind ist eine Person. lch kenne ihn mein Leben lang. Er hat mich nie anders behandelt als mit Verachtung. Aber ich könnte keine Waffe nehmen, das geht bei mir nach innen. Jetzt ist er 93. Wenn er tot ist, bin ich froh.

 

Mein Feind sind alle Politiker. Die scheißen uns doch nur an. Jetzt wieder mit der Steuer. Einen hasse ich besonders: den kleinen Dicken mit den kurzen Beinen und der Brille. Den könnte ich glatt totschießen.

Mein Feind ist mein Ex-Mann. In meiner Wohnung würde ich den aber nicht umbringen, das gäb‘ zu viel Dreck. Lieber in seiner eigenen. Da hat er überall so weißen Teppichboden. Dann hätte seine Neue auch was davon.

 

Mein Feind sind alle, die kleine Kinder mißbrauchen. Erst würde ich mit ihnen reden, und wenn sie nicht verstehen, würd‘ ich sie einfach totschlagen. Ich war zwischen 6 und 13 dran. Mein Vater und Nachbarn.

 

Mein Feind ist einer aus dem Haus. Der ist ne ganz falsche Hund. Er schwärzt alle Mieter beim Hausbesitzer an. Am liebsten würde ich einfach hingehen und ihn erwürgen – oder ihn vergiften. Ich kann nämlich kein Blut sehen.

Mein Feind ist mein Mann. Ich sag’ immer, der ist schlimmer als Hitler. Der will noch ein Kind von mir, obwohl ich schon eine Tochter habe. Der ist Kranführer, so’n Schrank. Da müßte ich schnell machen.

Unser Feind? Der Papa, wa? Der kümmert sich nicht mehr um die Kleine. Die Kinder von der Neuen sind ihm wichtiger. Jetzt wohnt er im Vorderhaus, wir im Hinterhaus.
 
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Eine Frau wird gefragt: Wer ist ihr ärgster Feind/ihre ärgste Feindin? Und was würde sie mit ihm tun, wenn sie dafür nicht bestraft würde? Der ärgste Feind ist der eigene Mann, der Papst oder der Vermieter. Sie würde ihn erschießen, erstechen oder ihm den Kopf abhauen. Das kam raus bei der Befragung durch die Fotografin Bettina Flitner, die zwischen März 1991 und Juni 1992 in Berlin und Köln auf die Straße ging und zufällige Passantinnen fotografierte. Zur Umsetzung ihrer Rachegelüste hatten die Frauen ein Arsenal von Waffen zur Verfügung, aus Plastik. Alle griffen zu einer Waffe – bis auf eine: Sie wurde von ihrem Feind, dem eigenen Vater, so verletzt, daß sie sich noch nicht einmal in Gedanken zu wehren wagt. Vom 16.-27. September stellt Bettina Flitner die Fotos der Rächerinnen lebensgroß in Köln aus: bei einem Passionsweg werden 14 Rächerinnen-Stationen von der belebten Einkaufsstraße Schildergasse in der Kölner City in die evangelische Antoniterkirche führen (früher Schauplatz der „Nachtgebete“ von Dorothee Sölle): das letzte Foto hängt über dem Altar, statt dem Gekreuzigten. Eröffnet wird die Ausstellung am 16. September um 19.30 Uhr von dem Saxophonistinnen-Duo Contrasax. Die Antoniterkirche plant während der Ausstellung Veranstaltungen und Diskussionen zum Thema Leid und Rache (angefragt wurde unter anderem Lea Ackermann, die Nonne, die als Streetworkerin in Afrika Prostituierten half und sich jetzt in Deutschland gegen Sexualgewalt engagiert.) Bettina Flitner: „Ich fand es sehr mutig, daß die Frauen gewagt haben, vor meiner Kamera ihre tiefsten Gefühle zu zeigen.“

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